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Herbst 2001: Wie eine Währung Fahrt aufnimmt.

GeldLeben: Erlebnis Euro

Der Euro nimmt Konturen an. Österreichs Wirtschaft stehen dabei etliche Veränderungen ins Haus. GeldLeben beschreibt den Weg von vier Unternehmen, mit der neuen Währung zu Rande zu kommen.

Ein Phantom wird Wirklichkeit. „Es war faszinierend zu beobachten, mit welchem Druck Finanzminister und Regierungschefs an der Verwirklichung der  europäischen Währungsunion gearbeitet haben“, sagte einer, der von 1995 an dabei war. Dr. Klaus Liebscher, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank und jener Mann, dessen Unterschrift die letzten österreichischen Schilling-Noten der Geschichte zieren, vertritt seit 1995 bei sämtlichen vorbereitenden Sitzungen des europäischen System der Zentralbanken die heimische Währungspolitik. Das einzige Problem, das er geortet hat, waren die Stimmen, mit denen einstimmige Beschlüsse in den Heimatländern präsentiert wurden. „Da waren manchmal Diskrepanzen festzustellen“.

Lippenbekenntnisse sind derzeit die häufigsten Phänomene, mit denen Euro-Beauftragte in Banken und Kammern zu kämpfen haben. Eine Umfrage des Kreditschutzverbandes KSV Ende Juni ergab, dass ein halbes Jahr vor der Währungsumstellung knapp 20 Prozent der heimischen Unternehmen noch keine Notiz vom Euro genommen hätten. 53 Prozent der Betriebe können sechs Monate vor dem Wechsel als "eurofit" bezeichnet werden, knapp 28 Prozent befinden sich in der Durchführungsphase.

Hauptproblem der heimischen Wirtschaft ist laut KSV „das mangelnde Gefühl der Betroffenheit“ unter den befragten Unternehmen. „Zuviele glauben, dass es mit Umrechnen und neuen Preisschildern getanist“, moniert der KSV in seiner Studie.

 

„Keine Sache für Zwischendurch“

Sie kämpft manchmal mit der Gleichgültigkeit ihrer Kunden. Brigitte Fischer ist kaufmännische Leiterin des Wiener Unternehmens Siems & Klein, das österreichweit Anlagen für Kfz-Werkstätten verkauft. Die Angebots-Palette des Unternehmens reicht von der Waschstrasse bis zur Hebebühne: „Vor allem die Kleinstbetriebe unter unseren Kunden wollen mit dem Thema Euro völlig in Ruhe gelassen werden. Auch jetzt noch“, ist die Finanzchefin des 70-Mitarbeiter-Unternehmens verwundert. Ihre Beunruhigung komme nicht „aus Besserwisserei“, wie Brigitte Fischer einschränkt, ihr Problem sei vielmehr, dass „es für Unternehmen, die bereits in Euro arbeiten, sehr aufwändig ist, eingehende Schillingbeträge zu fakturieren.“ Je mehr Lieferanten und Kunden sich drei Monate vor der Währungsumstellung bereits „eurofit“ gemacht haben, umso effizienter kann die eigene Buchhaltung agieren.

Brigitte Fischer bringt Siems & Klein seit 1997 auf Euro-Kurs: „Wir veranstalteten damals ein Euro-Workshop für alle unsere Mitarbeiter. Es hat damals keiner von uns etwas damit anzufangen gewusst.“

Seither hat man sich einen Unternehmensberater ins Haus geholt, 1999 auf die doppelte Preisauszeichnung umgestellt, die Mitarbeiterschulung weitergetrieben und die Buchhaltung auf Trab gebracht- „Der Währungswechsel ist für kein Unternehmen eine Sache für Zwischendurch“, warnt Fischer andere Wirtschaftstreibende.

In der Preisgestaltung wurde wenig Federlesens gemacht: Da sie „Investitionsgüter und Dienstleistungen verkaufe, seien 9,90er-Preise nicht notwenig.“ Bei Siems & Klein werden die Schillingpreise „direkt“ in Euro-Preise umgerechnet  wie Fischer versichert.

Derzeit kämpft sie mit dem nächsten Brocken der internen Lohnverrechnung. Ab November erhalten die Mitarbeiter ihren Lohn in Euro ausgezeichnet und ab Jänner in der neuen Währung ausgezahlt.

Der wesentliche Vorteil von Euroland liege für Siems & Klein im „Wegfall des Währungsrisikos.  Wir kalkulieren seit 1999 mit festen Kursen.“ Die Preistransparenz hingegen brachte für Fischer nicht die große Einsparung. “Für unsere Waschstrassen gibt es drei Lieferanten in Deutschland, Italien und Spanien. Im Einkauf war die Übersichtlichkeit nie unser Problem“, so Fischer.

 

„Gelebt wird er erst wenn er da ist“

Der Euro ist bereits Teil ihres täglichen Brotes. Als Wirtschaftstreuhänderin empfindet sich  Eva Pernt als „Meinungsmultiplikator in Sachen Euro.“ Sie betreibt in der Kammer der Wirtschaftstreuhänder und gegenüber ihren Klienten jede Menge an Aufklärung zum Thema Währungsunion. „Die ersten Klientenfragen zum Euro kamen ab 1997, als sich abzeichnete, dass die gemeinsame Europawährung Wirklichkeit werden würde“, erinnert sie sich. Damit war sie gezwungen, auch ihre Kanzlei mit drei Mitarbeitern rasch „eurofit“ zu machen. Buchhaltung, Bilanzierung, Steuererklärungen – alles muss zu Jahreswechsel professionell funktionieren. Erster Hebelpunkt war ihre Büro-Software. „Das war weniger wild als befürchtet“, meint Pernt rückblickend. Mit einigen Updates war die EDV Euro-tauglich. Dazu kamen noch Schulungen für die Mitarbeiter, um in Zukunft eine einheitliche Vorgangsweise in Sachen Euro an den Tag zu legen.

Seit Sommer liefert  ihre Kanzlei Abschlüsse in Euro und Schilling beim Klienten ab. Ein Arzt und ein Apotheker verlangten sogar „aus Jux“, wie Pernt meinte – ihre Steuererklärungen 2000 bereits vollkommen in der neuen Währung. Für ihr Büro war dies eine willkommene Nagelprobe. Als Hürde erwies sich dabei die Umrechnung der Schilling-Belege in Euro: „Das war natürlich aufwändig. Die Erklärungen für 2001 werden für unsere Branche anstrengend“.

Ausgelöst durch die Euro-Umstellung hat Pernt auch begonnen, ihre eigenen Honorare auf eine neue Basis zu stellen: „Klienten wollen transparente Preise ohne Überraschungen.“ Sie geht immer stärker von der Verrechung der Arbeitszeit ab und verhandelt mit den Kunden Pauschalhonorare. Dabei spielt die Währung nur mehr eine untergeordnete Rolle. „Die Preise bleiben auf unverändertem Niveau.“ Überzeugungsarbeit musste Pernt bei Ihrer Klientel aus dem Bereich der Freiberufler und Klein-Unternehmer nur wenig leisten: „Die meisten begrüßen es, auf ihren Geschäfts- und Urlaubsreisen in Euroland keine Wechselprobleme mehr zu haben.“ Zudem sei der Umstellungsaufwand bis spätestens März 2002 ein Ding der Vergangenheit. Manche Gleichmütigkeit macht ihr keine Sorgen: „Gelebt wird der Euro erst, wenn er da ist.“

 

„Ich sah eine Menge Arbeit auf mich zukommen“

Coiffeure haben eine ähnliche Funktion wie Barkeeper: Bei ihnen wird das Herz ausgeschüttet. Ronald „Ronny“ Weinberger führt in Wiener Neustadt und Neukirchen drei Salons mit mittlerweile 24 Mitarbeitern. Die Meinung zum Euro ist so unterschiedlich wie die Profession der Klientel. „Allzu viel“ werde über das Thema nicht gesprochen, so Herr Ronny, er bemerke aber, dass „die Negativmeinungen abnehmen, je mehr sich die Menschen mit dem Euro beruflich auseinandersetzen müssen.“

Er selbst besuchte 1998 eine Euro-Veranstaltung seiner Sparkasse, „im wesentlichen nur, um zu erfragen, wie viel Wechselgeld ich brauchen werde.“ Beim Verlassen des Seminars sah er „jede Menge Arbeit auf sich zukommen.“

Die aktive Phase wurde von Herrn Ronny mit Anfang des Jahres eingeläutet. Neben der Klärung des Wechselgeldbedarfes wurde in jedem Geschäft eine zweite Kasse angeschafft und in der Rezeption eingebaut. Dann ging er daran, seine Mitarbeiter in regelmäßigen Meetings auf den erhöhten Rechen- und Wechselgeldaufwand vorzubereiten. Mit Rechenbeispielen und „Eselsbrücken“ wurde die „umständliche Rechnerei“ wesentlich verkürzt. Nächstes war die Anschaffung von Bankomatkassen in allen drei Läden, „eine logische Konsequenz der zeitraubenden Wechslerei“, so der Coiffeur-Meister. Bis zu einem Drittel der Umsätze werden bei ihm bereits elektronisch bezahlt.

Schließlich ging es um die Festsetzung der Preise. Seit dem Frühjahr führen Ronnies Haarstudios Euro-Tarife. „Alljährlich gibt es bei uns im April eine neue Preisfestsetzung. Die wurde dieses mal mit dem Umrechnungszeitpunkt zusammengelegt“, erklärt Ronald Weinberger seine Überlegungen. Aus 220 Schilling für einen Haarschnitt ohne Wäsche wurden 16 Euro anstelle der 15,98 Euro. Und für ein Komplettpaket inklusive Schnitt, Wäsche und Styling bezahlen die Kunden 34,50 Euro oder 475 Schilling anstelle der früheren 470 Schilling. „Von den Kunden hat es niemand bemerkt.“

 

„Unsere Kunden werden sich leichter tun“

Der Lobmeyr an der Kärntnerstrasse ist eine Institution. Seit 150 Jahren wird alles Schöne an Tischkultur und  Beleuchtung Feil geboten. Feinstes Porzellan, handgeschmiedetes Silber und selbstverständlich die bekannten Luster von übermenschlichem Durchmesser machen die Atmosphäre des Hauses aus – in zehntausendfacher Stückzahl. „Unsere Kunden kommen aus aller Welt“, beschreibt Ursula Fahrenkämper ihre Klientel. Die Verkaufsleiterin von Lobmeyr sieht für ihre internationalen Gäste große Vorteile: „Unsere Kunden werden sich nach der Währungsumstellung leichter tun“. Die Umrechnerei hat ein Ende. Und Japaner und Amerikaner, die mit Dollar zahlen, rechnen Eins zu Eins um.

Weniger toll findet sie die Arbeitsbelastung, der sie und ihre Kollegen ausgesetzt sind: „Die doppelte Preisauszeichnung bringt uns an den Rande der Belastbarkeit.“ Dem Gesetz nach muss seit Oktoberbeginn vom Swarovski-Kristallschwan bis zum Salon-Luster jede einzelne Ware des großen Hauses in Euro und Schilling ausgepreist sein. Und nachdem für die internationale Kundschaft des Hauses die Preise stets brutto und netto angegeben werden, stehen jetzt auf einem Preiszettel vier Angaben. „Bei manchen kleinen Kristallsouvenirs wissen wir gar nicht, wo wir das hinschreiben sollen“, ist Fahrenkämper ratlos.

Der Umgang mit der neuen Währung stellt für sie und ihre Mitarbeiter kein Problem dar: „Wir haben Tage, da machen wir 90 Prozent des Umsatzes mit Kreditkarte und Bankomatkasse. Zudem sind wir die Umrechnung auf das Retourgeld gewohnt.“

Bei den Preisen selbst habe sich nichts geändert: „Wir haben nie zu 99,90 verkauft.“ Jobmeyrs Schillingpreise belaufen sich schon einmal auf 1001 oder 1452,95. Da machen 72,75 oder 105,95 Euro auch keinen Unterschied.

Die Zustimmung zum Euro sei national sehr unterschiedlich. „Die Deutschen schimpfen meist, Holländer sind neutral und die Italiener haben die wenigsten Probleme mit der bevorstehenden Umstellung“, erzählt Fahrenkämper. Und sie selbst? Ursula Fahrenkämper:  „Als gebürtige Deutsche habe ich von Mark auf den Schilling umgelernt. Der Euro wird mir dann auch keine Probleme bereiten.“

(GeldLeben, Ausgabe 03/2001)

 

 

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content by Josef Ruhaltinger